Das fehlende Element

5 März 2014 | Luxemburger Wort

Doch wieso war Kockelscheuer vor fünf Jahren noch keine Option? Denn bereits 2008, also ein Jahr vor der öffentlichen Ankündigung eines kombinierten Komplexes, bestehend aus einem Fußballstadion mit Einkaufszentrum in Liwingen, war das Gros des Landes auf der Suche nach geeigneten Standorten durchforstet worden. Kockelscheuer war aber nicht zurückbehalten worden. Zum damaligen Zeitpunkt war noch nicht die Rede davon, ein neues Stadion auf Staatskosten zu bauen, wie es jetzt zu 70 Prozent der Fall ist. Vielmehr hatte der damalige Wirtschafts- und Sportminister Jeannot Krecké nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten gesucht. Und war auf die Möglichkeit eines “Private-Public-Partnership” gestoßen. Wie in den Niederlanden und der Schweiz üblich, sollte der Geschäftskomplex das Stadion finanziell tragen. Auf Nachfrage hin erklärte Krecké, dass zum damaligen Zeitpunkt nicht das nötige Geld im Staatssäckel für ein neues Stadion vorhanden war. “Gar nicht zu reden von einer überdachten Radrennbahn. Im Projekt ,Liwingen‘ wären der Staat und der Luxemburger Radsportverband gratis zu einem Velodrom gekommen.” Inklusive eines Fußballstadions. Zur Erinnerung: Beim aktuellen Projekt Kockelscheuer zahlen der Staat 70 Prozent und die Stadt 30 Prozent.
 
Seit mindestens sechs Jahren Ausnahmegenehmigung
 
Das Stadion an der Route d’Arlon, das zwischen 1928 und 1931 erbaut und 1989/90 renoviert worden war, entsprach bereits 2008 weder den Minimalanforderungen durch die Uefa noch dem Komfortdenken der aktuellen Generation. Bis in unsere Tage sind diese Defizite eher noch größer geworden. Interessant zu vermerken, dass der Luxemburger Fußballverband FLF demnach bereits seit rund sechs Jahren seine offiziellen Qualifikationsspiele nur durch eine Ausnahmeregelung des europäischen Fußballbunds hierzulande austragen darf. Und stets befürchten muss, dass diese nicht verlängert wird. Was den Gang ins Ausland zur unausweichlichen Folge hätte.
 
Unseren Informationen zufolge wurden damals zwölf potenzielle Baulagen in und um die Stadt Luxemburg einer genauen Analyse unterzogen. Fünf davon lagen auf dem Gebiet der Stadt: das aktuelle Stade Josy Barthel, Porte de Hollerich (am Ende der Autobahn Esch/Alzette – Luxemburg), Ban de Gasperich (zwischen Gasperich, Cloche d’Or und Howald), Kirchberg und Hamm. Bereits 2008 wollten die damaligen Verantwortlichen der Stadt Luxemburg um Bürgermeister Paul Helminger das Stadion von der Route d’Arlon weg auslagern. Neben der Möglichkeit, das Areal für wohnungsbauliche Maßnahmen zu benutzen, sprach auch die verkehrstechnische Situation vor sechs Jahren dagegen, die durch den Umbau der Place de l’Etoile – der bis heute nicht vorgenommen wurde – noch schwieriger geworden wäre.
 
Aus diversen Gründen kamen auch die anderen vier Standorte nicht in Frage. Krecké bestätigte, dass die Stadt Luxemburg Kockelscheuer damals nicht als Alternative zum Stadionstandort an der Route d’Arlon vorgeschlagen hat. “Das Terrain entsprach ebenfalls nicht unseren Auswahlkriterien. U. a. war mir eine Anbindung an eine Bahntrasse sehr wichtig. Genauso wie die unmittelbare Nähe an eine Autobahnabfahrt. Und schließlich sollte der sektorielle Leitplan für die Grünlandschaften respektiert werden, der eine Bebauung einer ,zone verte interurbaine‘ ausschließt.”
 
Wenn eine Idee durch Dritte “zerredet” wird
 
Und heute soll Kockelscheuer die erforderlichen Bedingungen erfüllen? Obschon die zu bebauende Fläche in einer Grünzone liegt und z. B. von einem kleinen Bach durchquert wird, gab es in der Öffentlichkeit erstaunlicherweise noch keinerlei kritische Stimmen zu hören. Im Gegensatz zum Areal in Liwingen, das im Dreieck zwischen einer der meistbefahrenen Autobahnen hierzulande, einer Eisenbahnstrecke und einer Tankstelle mit rekordverdächtigen Ausmaßen lag und trotzdem im Nachhinein als schützenswert angesehen wurde. Krecké wollte auf diese und ähnliche gelagerte Fragen nicht eingehen. “Das ist nicht mehr mein Problem, sondern das Problem jener Leute, die aktuell in der Verantwortung stehen. Als ehemaliger Fußballer hoffe ich nur, dass das neue Stadion schnellstmöglich fertiggestellt wird.”
 
Nicht zu überhören war aber, dass das vormalige Regierungsmitglied entrüstet ist über eine Aussage während der Pressekonferenz am vergangenen 14. Februar im Rathaus der Stadt Luxemburg (Vorstellung des Projekts Kockelscheuer), die ihm indirekt eine Vorteilnahme am Projekt Liwingen unterstellten: “Es gibt ausreichend Dokumente, die belegen, dass Liwingen die objektiv betrachtet beste Lösung war.”
 
Am Masterplan für den Standort Liwingen arbeiteten Beamte aus diversen Ministerien (Landesplanung, Umwelt, Transport, Bauten, Mittelstand) mit. Laut Krecké gab es keien einzigen entscheidenden Einwand gegen Liwingen. Also ebenfalls nicht vom Umweltministerium. Auch seien die anfallenden Kosten für Straßeninfrastrukturen, die immer wieder zur Sprache gebracht werden, verschwindend gering gewesen, da beispielsweise der Ausbau der Autobahn Metz – Luxemburg auf diesem Teilstück auf drei Spuren unabhängig vom Projekt Liwingen beschlossen gewesen sei. Anders geartete Reden seien falsch gewesen.
 
Was lief damals hinter den Kulissen?
 
Bleibt die kruziale Frage, warum das Projekt Liwingen schließlich nicht aus dem Planungsstatus herauskam? Eine konkrete Antwort darauf gibt es nicht – zumindest keine offizielle. “Kaputt geredet” habe man es, hört man oft. Nicht jedem habe das Projekt, das der Luxemburger Staat mit dem Geschäftsmann Flavio Becca erstellen wollte, geschmeckt. Becca sei verschiedenen Leuten ein Dorn im Auge gewesen.
 
Ohne Antwort bleibt auch die Frage, wieso die Renovierung des Stade Josy Barthel plötzlich wieder aktuell wurde. LW-Informationen zufolge suchten Stadtbürgermeister Paul Helminger und sein Schöffenrat bereits damals nach einer Lösung, um das Gelände des Stade Josy Barthel anderweitig benutzen zu können. Was einen Neubau an einer anderen Stelle zur Folge gehabt hätte.
 
Und “last but not least” steht auch weiterhin die Frage im Raum, warum verschiedene Leute ein in vielen westeuropäischen Staaten erfolgreiches Geschäftsmodell (Zusammenschluss zwischen Geschäfts- und Sportwelt) in Luxemburg nicht haben wollten.